Tobias Kramer zur Aussage von Ex-Kämmerin Grehling im Derivatstreit

Bezug: WP-Artikel „Kämmerin ohne Kenntnis“ vom 5.7.2008
Hagens Ex-Kämmerin Grehling wirft ein Schlaglicht auf die Leichtfertigkeit, mit der weitreichende finanzielle Entscheidungen in dieser Stadt getroffen werden: Sie will die Unterlagen, in denen die Deutsche Bank vor dem unbegrenzten Risiko der Derivatgeschäfte gewarnt hat, vor Vertragsabschluss schlicht nicht gekannt haben und hat ebenfalls nicht gemerkt, dass die Bank ihr Finanzprodukt als Verkäufer in eigener Sache angepriesen hat und nicht als Berater für die Stadt.

Dieses Eingeständnis ist nun eine neue Qualität: Denn welches Gericht soll der Stadt jetzt noch ihre Prozessargumentation abnehmen? Die Stadt Hagen beruft sich immerhin darauf, sie sei nicht umfassend über die Risiken beraten worden. Angesichts der jetzt von Frau Grehling eingestandenen Tatsache, dass sie als städtische Unterzeichnerin schon die ihr zweifelsfrei vorliegenden Informationen vor der Unterschrift einfach nicht gelesen hat, wirkt diese Prozessstrategie wenig aussichtsreich. Hagens Chance, noch an das verzockte Geld zu kommen, ist nicht unbedingt größer geworden, weil seine Ex-Kämmerin mit dem Verweis auf die eigene Unbedarftheit ihre Haut retten will.

Nun ist Frau Grehlings Verhalten angeblich juristisch unanfechtbar, aber wie sieht das im Lichte dieser neuen Aussage denn disziplinarisch aus? Kann der OB, der im guten Glauben an die Sachkenntnis seiner Fachdezernentin die Geschäfte mit unterschrieben hat, es durchgehen lassen, wenn nun klar wird, dass seine Fachverwaltung sich nicht  einmal der Mühe unterzogen hat, die Produktbeschreibung eines Finanzgeschäfts zur Kenntnis zu nehmen? Ist das nicht eine klare Dienstpflichtverletzung? Immerhin hat die gleiche Dame, die das gefährliche Produkt der Deutschen Bank nach eigenem Bekunden weder begriffen noch geprüft hat, eben dieses Finanzprodukt noch zwei städtischen Gesellschaften – GIV und SEH – aufgeschwatzt. Die haben nun ebenfalls die Folgen zu tragen, waren aber immerhin klug genug, nur einen Bruchteil des Betrages anzulegen, den die Stadt eingesetzt hat.

Aber was im privaten Finanzgebaren schlicht fahrlässig wäre, gilt im politischen Bereich als professionell, und wer so verantwortungsvoll mit dem Geld der Bürger umgeht, ist zu Höherem berufen: Anstatt also für die verbrannte Erde geradezustehen, die sie in Hagen hinterlassen hat, ist Frau Grehling an ihrer neuen Wirkungsstätte in Aachen ernsthaft als Oberbürgermeister-Kandidatin im Gespräch. Vielleicht sollte man die Aachener rechtzeitig auf die Lese- und Rechenschwäche dieser begnadeten Führungskraft hinweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Tobias Kramer
 

 

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